
Der Publizist Werner Knecht und der ehemalige deutsche Aussenminister und
Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher
Werner Knecht: „Schreiben ist immer ein Abenteuer“
Sie waren – und sind – zeit Ihres Berufslebens als Redaktor, Journalist und Publizist tätig. Wie empfinden Sie den Wandel im Medienkonsum?
Werner Knecht: Es sind fundamentale Umbrüche und Verwerfungen, die nicht nur von der Digitalisierung unserer Welt ausgehen, sondern gleicher Massen mitbestimmt werden vom tiefgreifenden Transformationsprozess, der weltweit Wirtschaft und Gesellschaft erfasst – und erschüttert. Der Medienkonsument ist Akteur und Zuschauer zugleich. Er fragt sich: Hat die momentane Katharsis eine reinigende Kraft? Und er fragt sich: Was können die Medien beitragen – sind sie die Hefe im Sauerteig oder längst durch andere Kommunikationskanäle abgelöst worden? Dass heute eher Info-Häppchen verzehrt werden anstelle ellenlanger Abhandlungen, ist eine Tatsache, aber es gibt – gegenläufig zum Mainstream – auch die Bereitschaft zu vertiefter Themen- und Problemanalyse. Und die darf – und muss – auch etwas kosten.
Sie sind oft unterwegs, treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft, sprechen mit ihnen, interviewen sie, porträtieren sie. Was geht Ihnen durch den Kopf angesichts Ihres weltweiten Fokus?
Werner Knecht: Ich frage mich oft: Haben die Medien einen vertretbaren, haben sie den „richtigen“ Globalisierungsgrad erreicht, oder schwenken sie nun hinüber in nationalistische Gewässer? Wieweit ist ein globaler Fokus überhaupt erwünscht und vertretbar? Kann und muss die globalisierte Oekonomie als Vorbild dienen? Ist Globalisierung in der Denke eine realitätsferne Prämisse oder Conditio sine qua non für die Lösung dräuender Probleme und Aufgabenstellungen? Der Medienkonsument hat in diesem Denkprozess eine wichtige Rolle inne und bestimmt mit, wie die Medien morgen aussehen resp. welche Titel und Medienhäuser auch weiterhin Bestand haben werden.
Und die ins Kraut schiessenden Gratiszeitungen und die via Internet angebotene Gratisinformation?
Werner Knecht: Selbstverständlich entzieht dies den etablierten Verlagen eine wesentliche Existenzgrundlage. Hier via Cross Selling und eine Ausweitung des Angebotsfächers rechtzeitig Gegensteuer zu geben ist zweifellos ein Kraftakt. Aber ich bin zuversichtlich. Schon oft haben sich Transformationsphasen als eigentliche Keimzellen der Erneuerung erwiesen; alle grossen Schweizer Verlagshäuser konnten in letzter Zeit eine erstaunliche Trendwende einläuten, was zeigt, dass sie die – schmerzhafte – Lektion multimedialer Konkurrenzierung verstanden haben und entsprechende Businessmodelle zu implementieren wussten.
Woran denken Sie?
Werner Knecht: Beispielsweise an den Tablet-PC, der innert kurzer Zeit zu einer vielversprechenden Plattform für die Nutzung bezahlter Verlagsprodukte avancierte. Immer mehr Kunden – dies die übereinstimmende Bilanz aller Verlagshäuser – entscheiden sich für den Tablet-PC resp. die hier angebotenen Informationen und helfen so mit ihren digitalen Abonnements, den Ausfall im Printbereich wenigstens partiell zu kompensieren.
Was ist denn die Lektion der zunehmenden Digitalisierung für Sie als Textlieferant?
Werner Knecht: Immer den Leser vor Augen halten und sich ein Roboterbild von seinem Vorwissen, von seinen Vorlieben, von seinen Interessen machen, insbesondere auch das Wording an das jeweilige Zielpublikum anpassen. Und daran denken, dass in der digitalen Version Texte allgemein kürzer zu halten sind als in der gedruckten Form. Aber Schreiben ist immer ein Abenteuer – genauso wie Lesen. Genau darin liegt ja der Reiz.
Und der Auftrag der Medien gegenüber dem Individuum – und der Gesellschaft?
Werner Knecht: „Die Journalistik ist eine gänzliche Privatsache“, schrieb 1809 Heinrich von Kleist und verwahrte sich damit gegen die Instrumentalisierung im Dienste der Regierung. Individuum und Gesellschaft sollen mittels seriöser, breit abgestützter Information ausreichende Entscheidungsgrundlagen für selbstständiges Handeln bekommen.
Die Internet-Informationsflut ist aber wegen oft zweifelhaften, unseriösen und kriminellen „Absendern“ zweischneidig.
Werner Knecht: Das trifft leider zu. Das Internet, einst erfunden für den (nicht öffentlichen) Informationsaustausch zwischen Wissenschaftlern, ist leider auch zum öffentlichen Tummelfeld degeneriert von Ehr- und Halsabschneidern, Spinnern, Besserwissern und Wirtschaftskriminellen, zu denen auch die Cyber-Mobbing-Aktivisten gehören, eine besonders perfide Spielart von Wirtschaftskriminalität. Alle diese Subjekte illustrieren die Gefahren einer überschwappenden Informationsgesellschaft. Schärfere gesetzliche Handhabe gegen eindeutige Verstösse ist dringend angezeigt.
Spielen Medien bei der Entstehung individueller Werte eine Rolle?
Werner Knecht: Individuelle Werte entstehen in der Startphase der menschlichen Entwicklung durch die Sozialisierung in der Familie, im Freundeskreis, im Kindergarten, der Schule und im Beruf, wobei der anschliessende sekundäre sowie der tertiäre Einfluss – das heisst Freunde und Bildungsträger resp. Beruf und Arbeitsumfeld – noch stärker auf die Prägung individueller Werte einwirken. Der mentale Filter bei der Fixierung von Wertvorstellungen wird während all dieser Phasen (mit)determiniert durch die Medien resp. deren Werteskala. Mithin kommt ihnen eine wichtige gesellschaftliche und sozialpädagogische Rolle zu.
Letzte Frage: Was sind Ihre Motive beim Schreiben?
Werner Knecht: Immer wieder Neues entdecken und den Leser teilhaben lassen an diesem fortwährenden Abenteuer beim Streifen durch eine Terra Incognita.